Montag, der 17.September



Diese Nacht wars mal wieder so richtig schön warm. Es hatte zwar die Nacht einmal kurz geregnet, aber diesmal blieb es im Zelt trocken und in den Schlafsäcken bis zum Ende hin schön mollig.

Heute morgen war es dann mal wieder soweit. Wir konnten duschen gehen. Es war noch früh am morgen, so bestand durchaus die Chance, nicht allzulange warten zu müssen, denn wir hatten von einem Zeltnachbar ein paar Tage vorher erfahren, daß es für den ganzen Campground nur 4 Duschen gab.
Unsere Sorge war allerdings unbegründet. Es gab 5.
Normalerweise ist damit das Thema Morgentoilette abgehakt, aber wenn man es mit so einer kuriosen Einrichtung zu tun hat, muß man noch etwas mehr schreiben. Öffentliche Duschen sind so eingerichtet, daß man wie in eine Toilette geht, die sich aber in ein „Auskleide-m² und einen Dusch-m²“ unterteilt.
Bisher war alles so, wie ich es schon mehrere Male gesehen hatte.

(Fotos gibts natürlich keine, denn es handelte sich schließlich um Duschen für Damen) 

Das mit dem Duschen verlief aber hier anders, denn es gab nur einen Knopf. Entweder an oder aus. Aber wo stellt man die Temperatur ein? Wird man schockgefrostet? Oder von Anfang an verbrüht?
Und den Duschkopf konnte man ebensowenig verdrehen. Er guckte aus der Wand und das Wasser lief nur wenige cm daneben runter. Um es mal deutlicher zu erklären: Um nass zu werden, mußte man sich an die Wand anlehnen, was allerdings auch einen Vorteil hatte. Dieser An- u. Ausschalteknopf mußte während des Duschens permanent gedrückt werden, weil sonst nach 3 Sekunden das Wasser einfach stoppte. Das macht sich gut, wenn man grad dabei ist, sich die Haare zu waschen. Mit einer Hand waschen, mit der anderen das Shampoo verteilen, während man mit der dritten den Wasserknopf gedrückt hält..
Aber am besten ist es, man lehnt sich an die Wand.

Der Grund, weshalb sie die Duschen so konzipiert hatten, war erstens: Wasser sparen und zweitens, gibt es keine Dauerduscher.
Denn nach spätestens 7 tut einem der Daumen weh.
Frisch gestriegelt und gebügelt ging es ans heutige Tagwerk.


Wenn man es denn so nennen konnte, denn es war irgendwie nichts Richtiges geplant. Schon komisch, denn wir befanden uns im Jasper NP, da müßte man sich doch dutzende Dinge ansehen können.

Im Grunde stimmt das auch, aber für das Schönste fehlte uns die Lust zu bezahlen und den Rest sah man nur, wenn man gut zu Fuß war.
Da sitzt du in einem riesigen Nationalpark und siehst so gut wie nichts, weil es hier nur 2 Straßen und ein Ort mit Souvenirläden gibt. Schade eigentlich.
Wir haben uns dann doch ins Auto geschwungen und sind auf gut Glück zum Maligne Lake gefahren. Vielleicht hat er ja noch mehr zu bieten, als das Spirit Island, daß man sich für 45$ p.P. ansehen kann, um da 5 Minuten Zeit zu bekommen, seine paar Fotos zu machen.

 

Die Stichstraße führte am Maligne Canyon und am Medicine Lake vorbei, der ziemlich leer war. Soweit ich weiß, ist er nur im Frühjahr gut gefüllt und leert sich dann im laufe des Jahres. Den Canyon wollten wir uns auf der Rückfahrt anschaun.
44 km sind wir bis zum See gefahren, um dann festzustellen, daß er weder blau noch sonst wie interessant ist. Und die Sonne stand auch wieder falsch.

Die Dauer des Aufenthalts verkürzte sich somit auf 5 Minuten. Schade um jeden Kilometer.
Auf der Rückfahrt nach Jasper und zum Canyon ist uns mal wieder aufgefallen, daß wir beiden nicht so denken, wie Touristen. Touristen grasen eine bestimmte Gegend nach einem besimmten Muster ab. Sie fahren eine Strecke und richten sich nach den Schildern am Straßenrand und halten da, wo es ihnen gefällt oder wo der Vorwegweiser besonders groß ist. 

   

Da kanadische Nationalparkbehörden das wissen, haben sie sich was ganz schlaues ausgedacht: die Straße zum See ist eine Sackgasse. Man muß also zuerst einmal darein. Es werden Schilder aufgestellt, die dem Touristen sagen: bitte angucken.
Da man eine Sackgasse quasi wieder zurückfahren muß, und die Durchschnittstouristen die ganzen Sehenswürdigkeiten schon abgeklappert hatten, wieso sollen wir dann die ganzen Schilder beim rausfahren noch einmal aufstellen?
Kostet nur unnötig Material und Arbeitszeit.
Da Schulze und Hühnchen aber keine Normalotouristen sind, hat es sie eiskalt erwischt. Wo war nun bitte die Einfahrt zum Canyon und wo die andere Abzweigung, die einem zu einem Overview führte, von wo aus man sich Jasper anschaun konnte?
Nichts. Nicht ein Schild. Ab und an einige Kariboowarnungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber kein Schild zu Stellen, an denen man anhalten konnte.
Wir also bis zum Anfang, umgedreht und die 6km bis zum Canyon erneut gefahren. Jetzt brauchen wir uns nicht wundern, wo die 5000km Wegstrecke bis jetzt herkamen.

    

Der Canyon entpuppte sich als schmaler, verdammt tiefer Spalt im Felsen, der durch den Maligne Creek entstanden ist. Da er so tief und schmal war, hat man nicht viel erkennen können. Es reichte gerade mal für 5 Fotos.

Langsam kam in uns das Gefühl auf, einen echten Übrigtag erwischt zu haben. Man weiß nichts mit sich anzustellen und zu sehen gibt es auch nichts.
Gegen 14 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Jasper und fuhren wieder unseren Internetparkplatz an und schrieben aus lauter Frust Emails und unterhielten uns mit den Daheimgebliebenen, denn in Deutschland war es ja schon 20 Uhr abends.
Nachdem diese kurzweilige Stunde beendet war, fuhren wir zum Pyramid Lake, der sich nur ca. 5km nördlich von Jasper befand.

     

Ein idyllischer Bergsee, dessen Fotos im Internet allerdings deutlich besser und bunter waren, als es uns heute möglich war, zu knipsen.
Nachdem der See abgehakt war, denn anders konnte an unsere Ausflüge nicht nennen, holten wir uns in Jasper schnell noch unser Steak für den Abend und fuhren anschließend noch zur Jasper Tram.

 

Für 16€ p.P. kann man sich auf den Whistler Mountain gondeln lassen, was wir auch kurzerhand in Anspruch nahmen. Schließlich können wir ja nicht alles ausfallen lassen, nur weil es verdammt viel Geld kostet.
In 7 Minuten fährt man bis auf 2265m hohen Berg, wo sich ein Souvenirladen und ein Restaurant befinden. Die Sicht war mäßig, aber ok.

    

Was uns allerdings dazu bewog, die übernächste Bahn nach unten zu nehmen, war die Tatsache, daß es da oben a…kalt war und mächtig zog. Auch Schnee lag schon in den Ecken.
Alles in allem, wars ein netter Ausflug und ich denke, 16€ sind fast gerechtfertigt.
Was ich noch hinzufügen muß: die Ansichtskarten, die hier verkauft wurden, waren unter aller Kanone. Ich begreif sowas nicht. Und werds wahrscheinlich auch nie tun.                           

Jetzt war es allerdings Zeit, sich um unser Abendessen zu kümmern. Denn bis das Feuer brannte und die Steaks durch waren, vergingen sicher auch die einen oder anderen Minuten und langsam machten sich auch unsere Mägen bemerkbar. Schließlich gab es heute Morgen nur die von uns gestern gekauften Muffins.
Bevor es allerdings soweit war, mußten wir noch wichtigeren Dingen nachgehen, die keinen Aufschub duldeten:

 
     

Da hatte es sich doch hinter unserem Zelt eine Herde Hirschkühe incl. Leittier gemütlich gemacht und ließen sich auch durch unsere Anwesenheit nicht aus der Ruhe bringen. Hühnchen konnte es sich natürlich nicht nehmen lassen, alle Anweisungen sämtlicher Ranger in den Wind zu schießen und hat sich mit ihrer Knipse auf die Suche nach den Nasenlöchern der Tiere gemacht, denn soweit ging sie wieder an die Tiere heran.
Ich frag mich, wann sie aus ihren Fehlern lernen wird? Schließlich handelt es sich bei diesen Tieren nicht um zu groß geratene Plüschtiere.

Während sie sich also auf die Hörner nehmen ließ, kümmerste ich mich schonmal ums Feuer.
Während unsere Steaks bruzzelten und einen wunderbaren Duft verstreuten, verzog sich auch die Herde. Nur einer nicht.
Er näherte sich auf dem Weg von links und hinterließ als Abschied oder als Lohn, daß wir ihn ablichten durften, seine Marke…


Was Hühnchen tat, als er ins Blickfeld rückte, muß ich ja nicht extra erwähnen, schließlich sieht man es deutlich auf dem Foto.
Das Abendessen war danach umso leckerer und sogar das Rindersteak für Hühnchen war fast butterweich. Wir beschlossen daraufhin, daß ganze morgen abend, wenn es nicht grad regnete, zu wiederholen.
Den restlichen Abend verbrachte Hühnchen am Feuer, während ich im Auto saß, es warm hatte und Bericht schrieb.

    

                                 

 

Dienstag, den 18.September
 

   X


Ich war mal wieder vor dem Wecker wach. Und warum? Weil es wiedermal eisig kalt war. Ich frage mich manchmal, weshalb ich überhaupt nen Schlafsack gekauft hab, der bis -16° warm hält, wenn er schon bei +3° schlapp macht. Dann hätte ich mich auch gleich nackig unters Sternenzelt legen können. (Bitte keine Buhrufe)
Der Wecker ging halb sieben, da wir aber heute Richtung Westen fuhren und die Uhr um eine Stunde zurückstellen durften, es also quasi erst halb 6 war, knipste ich den Wecker aus und drehte mich in meinem eiskalten Schlafsack nochmal um.
8 Uhr haben wir uns dann aber endgültig aufgerafft, denn es standen immerhin 450km auf dem Plan. Es ging heute an den Green Lake einige km südlich von 100Mile House. Es wird ein Fahrtag mit abendlichem grillen werden, denn außer kanadischer Wildnis wird nicht viel zu sehen sein. Denk ich.
Ok, ein paar Elche, Bären und Lachse wären zwar nicht allzu übel, aber leider kann man es ihnen noch nicht befehlen, dann aufzutauchen, wenn man grad in der Gegend war.
Wir packten unser Zelt ein und fuhren erstmal Richtung Jasper unseren schon fast obligatorischen Morgenkakao holen und nachschauen, ob wir vielleicht Emails hatten, denn wer weiß, wann wir mal wieder ein freies Netz hatten.

    

    
 
Dann ging es los: 450km über den Yellowhead Highway und anschließend rechts rüber Richtung 100 Mile House und das ganze mehr oder weniger durch kanadische Wildnis.
Einen kurzen Stopp legten wir noch am Mt. Robson ein, machten ein paar Fotos des höchsten Berges der kanadischen Rockys, der heute komplett zu sehen war und kauften, ja ihr lest richtig, Ansichtskarten.

    

Nach 6 Tagen in Kanada der erste Laden, der Karten hatte, die man sich auch anschauen konnte. Ich hab gleich 10 gekauft. Wer weiß, wofür das mal gut sein wird.

Wenn man die Landschaft zwischen Mount Robson und Green Lake mit dem der Rockys vergleicht, gefiel es mir hier beinah besser. Ok, hier fehlten die riesigen Berge und die Camper auf den Straßen, aber hier sah man deutlich mehr von der Gegend, da hier nur halb soviele Bäume standen, als noch in den Bergen.
Hier ging alles ruhiger und gemächlicher zu. Keine Autos, keine Häuser oder sonstige Anzeichen für Zivilisation, wenn man mal vom gelben Strich auf der Straße absah. Doch: einmal gab es Zivilisation. Sie trug den Namen Clearwater und war das, laut Karte, kleine Örtchen zum Eingang des Wells Grey Provincial Parks.
Wie gesagt, lt. Karte war das Dörfchen nicht größer als ein 200 Einwohnerdorf. Ein winziger Punkt auf der Landkarte.
Für den Abend wollten wir uns noch Steaks holen und so beschlossen wir, in dem winzigen Nest einen Supermarkt ausfindig zu machen.
Wie jeder weiß, haben US-Amerikaner und Kanadier endlos Platz. Also nicht wie in Deutschland, wo die Straßen nur cm breit sind, weil noch die Schienen und ein 2m breiter Radweg Platz haben müssen. In kanadischen Minidörfchen sieht es da schon anders aus. Man gehe also wie folgt vor:
Das erste Anzeichen von menschlicher Zivilisation sind Werbeschilder. Es wird dort praktisch für alles geworben, also egal, ob es ein Tankstellenschild oder eins für den privaten Gemüsegarten ist. Nach 3 km, nach denen man sich zwangsläufig fragt, wann denn endlich die „1km ahead“ oder die „Next right“ beginnen, fährt man endlich am Ortsschild vorbei, daß sich aber nach weiteren eintönigen Kilometern ohne Häusern nicht als solches rausstellt, sondern eher als Provinzeingangsschild, denn es folg noch ein anderes, mit dem gleichen Namen, was uns endlich sagt: HIER beginnt Clearwater. 

     

Langsam wird’s auch Zeit, denn die Tanknadel neigt sich arg Richtung rot…
Was erwartet den Durchreisenden in Clearwater? Nunja…, wer jetzt denkt, da stehen 5 Häuser und ne Tankstelle, der irrt. Und zwar gewaltig. Ok, zugegeben, ne Tankstelle steht da schon, aber eben keine Häuser. Oh doch, eins. Ein Haus und ne Tankstelle.
Das wars. Nichts mehr. Nein, doch nicht. Nach 1km ein weiteres Haus. Und ne Scheune mit Trekker davor. Toll. Und da, noch ein Haus. Mannnn, die übertreiben es ja hier wirklich. Irgendwie geht es so einige weitere Kilometer, bis die nächste Tankstelle auftaucht. Ab und an geht auch eine winzige Abzweigung links rein, aber wirklich ausgeschildert ist da nichts.
Und plötzlich ist alles zuende. Kein Haus mehr, keine Tankstelle, kein Schild.
Vor 20km standen noch Mio. von Werbeschildern und jetzt? Das können wir natürlich nicht auf uns sitzen lassen und drehen um.
Die nächste Abzweigung gehört uns und siehe da: noch ein Haus. Am Ende dieser Straße finden wir sogar den kleinen Tante Emma Laden, dessen 30m²-Werbetafel uns glauben gemacht hat, dies wäre ein Megasuperstore. Leider gibt’s hier keine Steaks. Nur dieses eintönige labberige Brot und eingestaubte Chips. Wir fragen die nette Dame, ob man denn in diesem K… in dieser Gemeinde auch irgendwo Fleisch kaufen kann und siehe da: sie schickt uns immer geradeaus, an der Ampel links und die nächste wieder rechts.
Toll denken wir und fragen uns gleichzeitig: Ampel?
Macht ja nix, die gute Frau wird sicher wissen, wovon sie spricht.
Und tatsächlich, in diesem mit 3 Einwohnern gesegnetem Etwas gibt’s ne Ampel, an der auch die 3 obligatorischen Tankstellen nicht fehlen dürfen.
Nachdem das links und die nächste rechts abgespult wurden, sahen wir abermals alle Fälle davonschwimmen, denn nach ner Straße, die zu einem Supermarkt führen soll, sah es hier wahrlich nicht aus. Da standen 3 Häuschen an der Straße, 2 Autos und eine kleine Kneipe. Natürlich nicht zusammen, sondern, da sie ja Platz haben, auf einer Länge von mindestens 2 km.
Und dann tat es sich auf. Das Tor zum Industriegebiet der Megacity.
Ein riesiger Superstore, ne Tankstelle (was auch sonst) und noch andere Läden, die keine Wünsche offen ließen.
Nur frage ich mich: Wofür das alles? Für die 6 Einwohner?
Ach ja, ich vergaß: Es ist ja genügend Platz da. Wieso dann alle Gebäude nah zueinander setzen? Laßt uns eine Autobahn bauen… 

Irgendwann am frühen abend erreichten wir den Green Lake, der ca. 30km südlich von 100 Mile House lag. Und es war ein richtig paradisischer Ort. Der See lag absolut ruhig da. Kein Laut vernahm man außer ab und an das Rauschen der Blätter in den Bäumen. Das Wasser war klar, nur eben eiskalt. Baden würde ich hier noch nicht einmal im Sommer.

  

Der Platz bot 26 Stellplätze, von denen bisher gerademal 3 belegt waren und so nutzen wir die Gunst der Stunde und nahmen uns einen Platz am Wasser. Konnte es was Schöneres geben?

  

Ursprünglich wollten wir den Platz ja ordnungsgemäß bezahlen, aber am Eingang befanden sich weder Umschläge zum Ausfüllen noch sonst eine Möglichkeit, die 14$ zu deponieren. Wenn sie also kein Geld haben möchten, dann bekommen sie auch keins. So einfach ist das.

     


Wir haben unser Zelt aufgebaut, haben jede Menge Holz gehackt und sind oft runter ans Wasser gegangen, denn die Atmosphäre war zu schön.
Irgendwann war auch das letzte selbstgegrillte Steak dieser Saison fertig und wir ließen es uns schmecken.
Am Abend beschlossen wir, noch ein Ründchen nach 83 Mile House zu fahren. Nur so.

     

Es zog sich ganz schon hin und wirklich zu sehen war unterwegs auch nichts. Schade um jeden cl Sprit, den wir da verfahren hatten.
Als wir auf dem CG zurückkehrten, wartete schon eine Lady mit einem Quittungsblock auf uns. Das hieß nichts Gutes. Um genau zu sein:
Die 14$ wurden fällig.
Nichts wird einem mehr geschenkt
Da es mittlerweile schon dunkel war und wir mit uns nichts anzufangen wußten, krochen wir bald in unsere Schlafsäcke.
Die kommende Nacht war ein Alptraum für jeden gestandenen Ruhrpottler, denn es war eine sehr ruhige Nacht. Zu ruhig. Keine Krähen, keine piepsenden Eichhörnchen, kein Wind, kein Gar nichts. 


 



Mittwoch, den 19. September
  

(Ein Satz vorweg. Am 19.9. wurden keine Fotos gemacht...)
Wir hatten die letzten 2 einhalb Wochen schon oft kalte Morgen, aber der heutige setzte dem ganzen die Krone auf. Es war nicht nur kalt, es war alles eingefroren. Das Auto, das Zelt, der Tisch…alles.
Schon beim Gedanken, daß vereiste Zelt ohne Handschuhe einpacken zu müssen, fing ich an zu klappern. Das Schlimmste an diesen Morgen war immer das rauskriechen aus dem Schlafsack. Da man ja nicht viel anhatte, kostete es jedesmal irre Überwindung und die Sachen, die man anziehen wollte, waren ja an die Umgebungstemperatur angepaßt. Sprich: ne Jeanshose von -1° anziehen, macht super Spaß…
Nach einer halben Stunde hat man auch den letzten Eisblock am Körper und sich an das Schlackern gewöhnt und konnte nun zum gemütlicheren Teil übergehen: Häringe aus dem Boden ziehen, die 3 Zeltstangen rauspulen und das Zelt zusammenwurschteln, damit es in den blauen Müllsack paßt.
Fassen wir also zusammen:
Füße eisig, Beine und Hintern zusammengefroren, der Kopf eine Eiskugel und die Hände quasi taub. Und dann noch ein steifgefrorenes Zelt ohne Handschuhe verpacken.
Hab ich schon erwähnt, daß campen in Kanada das reinste Zuckerschlecken ist?
Gott sei Dank hat das Drama unser Zeltnachbar mitbekommen und ist uns zur Hilfe geeilt. Der gute Mann hat die Nacht im Camper verbracht und war noch halbwegs warm. Er hat die Sache mit dem Zelt verstauen dann in die Hand genommen, während wir beiden unsere abgefallenen Gliedmaßen zusammensuchten.
Mit Müh und Not haben wir es ins Auto geschafft, ohne vor Kälte einzugehen. Das liest sich alles ziemlich übertrieben, aber normalerweise übernachtet man nicht irgendwo, wo es unter 0° hat. In der näheren Umgebung hat es fast immer über 15°. Wir merken uns also: Kanada kalt und 3 paar Handschuhe mitnehmen. Lieber ham, als hätte.
Heute abend stand das letzte Mal zelten an. Geplant war, uns einen Campground am Harrison Lake zu suchen, weil ich ja für Hühnchen noch eine Überraschung geplant hatte.
Heute gab es erstmal keine Morgenschokolade, dafür gab es noch 20km lang kalte Hände. Langsam waren wir es leid, ständig eisgekült aufzuwachen. Wenn wir also das nächste Mal campen, dann im Hochsommer. Bei 40°. Und 1 Mio Touristen mehr…
Eigentlich gibt es zu jeder Jahreszeit was auszusetzen. Dann also doch lieber frieren.
Auf der Fahrt zum Harrison Lake änderte sich die Landschaft apruppt. Fuhren wir kurz nach dem Campground noch durch dichte Wälder, aus denen der Morgennebel zog, war er mittlerweile ganz verschwunden und Prärie machte sich breit. Aus den Bäumen waren kleine unscheinbare Büsche geworden. Dafür wurden die Berge aber nun höher und wir waren kurz vor dem Tor zum „Hells Gate Canyon“, durch den sich der Fraser River tief eingefressen hatte und so eine tiefe und steilwandige Schlucht erschaffen hat.
Da aber die Stimmung heute Morgen etwas mau war und Hühnchen der Umgebung keine Beachtung schenkte und ich auch keine Lust hatte, sie jedesmal an alle Schönheiten der Natur zu erinnern, fuhren wir an dieser Touristenattraktion ohne große Worte vorbei. Naja, ich habs ja von weiten erkennen können. Paßt schon.

Auch auf den nächsten Kilometern herrschte das große Schweigen vor und ich merkte bald, daß sie nicht wirklich Lust hatte, kurz vor dem Endziel Vancouver noch einmal das Zelt aufzubauen.
Daß dann allerdings die Überraschung flachfällt, sagte ich ihr natürlich nicht. (Sie hat auch bis zum heutigen Tage nicht mehr danach gefragt)
Um es kurz zu machen: An der entscheidenden Abzweigung hab ich ihr die Wahl gelassen: rechts geht’s zum Campground an den See und wenn sie links weiterfährt, kommen wir nach Vancouver.
Sie fuhr links und dadurch verschwand auch für mich die Möglichkeit, jemals die Sandskulpturenweltmeisterschaft in Harrison Hot Spring zu sehen.
Muß ich halt nochmal hierher kommen.
Kurze Zeit später fragte sie mich, ob ich in der Lage bin zu fahren, weil sie müde sei.
Kein Problem, meinte ich, mußt mir dann nur mit dem Plan helfen, wenn wir in die Stadt fahren, denn ich hab ja leider die Strecke nicht im Kopf. Sie stimmte ein, ihr Kopf sank in den Beifahrersitz und sie erwachte erst wieder, als ich das Auto am Best Western zum halten gebracht hatte.
Zum Glück hatte ich vor dem Urlaub einen Zettel vorbereitet, auf dem alle Routen kurz und bündig aufgeschrieben waren und dieser Zettel befand sich immer in der Nähe des Armaturenbrettes, sodaß ich auch ohne ihre SO WERTVOLLE Hilfe zurechtkam.
Leider war an dem Tag das BW ausgebucht. Wir mußten uns also erneut ins auto schwingen und uns ein anderes Motel suchen. Nicht weit vom BW stand das Linda Vista Motel, daß für 82$ incl. Tax zu haben war und auch Internetanschluß hatte.
Der Rest des Tages bestand dann nur noch aus Auto ausräumen, Sachen sortieren, Auto wieder einräumen, Essen kochen, duschen, Mails beantworten und schlafen, wobei ich beim „Essen kochen“ noch etwas sagen muß:
Hühnchen kam auf die gloreiche Idee, sich mit dem Kocher hinters Motel zu setzen, Rührei und Suppe zum Abendessen zu machen. Eigentlich ja ok, aber wie wir in den letzten Tagen gelernt hatten: offenes Feuer und Kanadier, das paßt einfach nicht zusammen. Unsere indische Zimmervermieterin kam prompt angestürmt und sagte, daß wir sowas nicht machen dürfen. Zum Glück war da das Essen schon fertig…
(Kann es sein, daß an allen 4 Begebenheiten Hühnchen schuld war?)

  


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