8. Oktober                                                                               18°C

 

Regen.
Das hat mir noch gefehlt.
Because… es ist einer der wenigen Tage der Tour, an dem ich vermutlich ein wenig Foliage sehen werde.
Die Route führt mich heute durch durch das südwestliche Pennsylvania. Ich muß nachher mal googlen, wie sich die Gegend da unten schimpft.
Highlight wird heute *Falling Water*, das Haus, daß über einem Wasserfall gebaut wurde.
Wie gesagt, heute ist Sonntag und Falling Water fiel genauso aus, wie das Wetter.



Bei meiner Planung damals, wenn man es überhaupt so nennen kann, dachte ich noch: jou, Haus. Wasserfall. Parkplatz davor. Sieht schön aus. Nehm ich.
Heute weiß ich: die spinnen, die Amis.
Um auf den Grund zu fahren, hätte ich 8$ zahlen sollen und hätte ich mir alles näher ansehen wollen, wäre ich jetzt 28$ ärmer.
Der Dame am Tor stellte ich daraufhin nur eine Frage:
Wo kann ich wenden?

28$. Ich glaub, et hackt.


Ein paar km weiter sah ich dann etwas, was viel mehr wert war, als dieses blöde Haus.
Meinen ersten Amish-Buggy.
Und ist es nicht so, je weniger man mit etwas rechnet, umso besser ist es?
Das ist es, weswegen ich nach Pennsylvania gefahren war. Back in the 19th Century.
Die nächsten 5 Minuten hatte ich ein Dauergrinsen auf und das Pferdefuhrwerk einige Minuten später mit echtem eingefleischtem Amish-Opa machte den Tag fast perfekt.
Oh Gott, ich bin mit so wenig zufrieden…

Alles, was ich brauche, ist das richtige Land, ein kleines Auto, schönes Wetter und was für die Seele. Und das sind für mich die Amish, die eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, ab und an ein Wasserfall und wenn es machbar ist, 10 Minuten Westcoasthighway und Seesterne.
Irgendwer fragte mich neulich, wo man denn Amish sehen kann und ob sie in Kommunen leben. Meine Antwort:



Die meisten Amishe leben in Pennsylvania und drumherum und nein, sie sind nicht, wie die Natives im Westen der USA in Reservationen „eingesperrt“. Amishe sind wie die Sachsen.
Ein nettes kleines Völkchen irgendwo in einer schönen Landschaft und mitten unter uns.
Es sind hauptsächlich Landarbeiter, die Farmen bewirtschaften und selbsthergestellte Waren bei sich zuhause oder auf Märkten zum Verkauf anbieten. Also nicht die Sachsen.
Die sprechen nur komisch.

Das sagt man übrigens auch über die Leute, die in Pennsylvania leben. Sie sollen einen merkwürdigen und seltsam klingenden Dialekt sprechen. Und ich meine jetzt nicht das Pennsylvania Dutch der Amish.
Unsereins kann da ja nun nicht mitreden. Ich habe zwar bemerkt, daß es Regionen in den USA gibt, in denen ich die Sprache mal besser und mal schlechter verstehe, aber Dialekte hört man eher selten heraus.
Ich finde, die Ossis unter den Amerikanern nuscheln mehr. Im Westen verstehe ich hingegen jedes, fast jedes Wort. Ist wie in Deutschland.

Google hatte mir vor einigen Wochen den Ohiopyle State Park ans Herz gelegt und wäre nicht der Nebel und der andauernde Regen, wäre ich sicher länger geblieben. So habe ich „nur“ dem Cucumberfall einen Besuch abgestattet.
Was er allerdings mit einer Gurke gemein haben will, erschließt sich mir nicht.
Er war schön, einfach zu erreichen, nur etwas überlaufen.
Schade das mit dem Nebel.


Die letzte Etappe war das Fort Nessesity Battlefield, was man sich eigentlich schenken kann.
Es gibt außer ein paar im Kreis aufgestellten Holzpfählen nichts zu sehen. Aber hier kam der Nebel wirklich gut. Es entstand eine Stimmung, die wirklich passte. Eine Stimmung, wie man sie so oft in Filmen vorgesetzt bekommt, die in der Vergangenheit in den schottischen Highlands spielen. Zeitreise. Es fehlten nur noch ein paar einsam durch die Wälder ziehende Highlander.
Oh Mann, jetzt geht meine Phantasie wieder mit mir durch.


 

9. Oktober                                                                                    22°C 

 

Wenn ich jetzt schreibe, daß heute einer der traurigsten Tage war, die ich je in den USA erlebt hatte, wird dann noch einer weiterlesen?
Ich kann ja vorwegnehmen, daß nix schlimmes passiert war. Hilft das?
Amerikaner lieben Theatralik und Selbstinszenierung. Das können sie. Das nutzen sie. Da hat man als einsamer Tourist keine Chance und ist dem hoffnungslos ausgeliefert.
Am 11. September 2001 stürzte im Süden Pennsylvanias eine Maschine der United Airlines mit der Flugnummer 93 ab, die statt nach San Francisco zu fliegen, „für das Weiße Haus bestimmt war“.
An der Absturzstelle wurde ein National Memorial eingerichtet.


Schon kurz nachdem man zum Memorial abbiegt, wird einem klamm ums Herz. Die Zufahrt ist ca. 3-4km lang und man darf auf einer breit ausgebauten Straße nur 35mph fahren. Ab da bildete sich in meinem Bauch ein Knoten und ich suchte vorsorglich die Taschentücher aus meinem Rucksack heraus.

Das Memorial besteht aus 2 Teilen.
Dem Besucherzentrum und der Memorial Plaza.
Letzteres sah ich zuerst und ich wußte schon zu Beginn des Weges, daß eine Packung Taschentücher nicht genügen wird.
Reisen ist Kopfsache.
Wenn ich am Strand der Pazifikküste stehe und auf das Meer hinausschaue, dann ist der Anblick vermutlich der gleiche, als würde ich am Strand von Rügen stehen und doch würde ich den Pazifik jederzeit als schöner bezeichnen. Da sind Emotionen im Spiel, die man einem Schwarzwaldtouristen, der behauptet, in Deutschland sei aus genauso schön, gar nicht erklären kann.
Das Herz will, was das Herz will.

Und hier war es ähnlich.
Man geht auf einem betonierten Weg über ein Feld und einige hundert Meter weiter gelangt man an aufgestellte Granitwände, in die die Namen der Opfer eingraviert wurden.
Normalerweise sind die Menschen in den Staaten sehr redselig und plappern ohne Ende und meistens sehr laut, aber hier war es herzzerreißend still und ich fing an, alles nur noch verschwommen zu sehen.

Scheiße, ich heule schon wieder.

Die meisten Menschen über 30 wissen noch ganz genau, was sie am 11. September zu der Zeit taten oder wo sie waren. Ich hatte an dem Tag frei und saß später vor dem Fernseher und nachdem ich aufhörte zu glauben, daß es ein Film war, sah ich noch Stunden später aus, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen.
Damals dachte ich noch keine Sekunde daran, daß ich irgendwann einmal jedes Jahr darüber fliegen würde.

Zurück im Auto brauchte ich eine zweite Packung Taschentücher.

Das Besucherzentrum tat auch nichts, um meinen Gemütszustand zu verbessern. Im Gegenteil. Hätte ich was gesehen, so wären es sicher hunderte trauernde und leise vor sich hin heulende Besucher gewesen, aber kaum einer sah den anderen an. Alle standen nur vor den Schauwänden und sahen sich Bilder oder Filme an.
Und ich mittendrin, die überlegte, ob nicht eine dritte Packung Taschentücher im Rucksack besser gewesen wären…

Am Donnerstag oder Freitag wollte ich eigentlich nach New York mir die Pools ansehen, die man an die Stellen der beiden Türme gebaut hatte. Aber ich weiß noch nicht, ob ich dazu in der Lage sein werde. Wenn mich DAS hier schon so fertig macht, was soll das dann noch an den ehemaligen Twin Towers werden?


ein kleiner trauriger Film

„It was a beautiful september morning with a blue sky...Just a normal day“
Joy Knepp, Teacher in Shanksville

 

 

10. Oktober                                                                                  24°C 

 

Ich liebe Pennsylvania.
In keinem anderen Staat fühle ich mich so wohl wie in diesem hier und ich weiß nicht einmal, weshalb.
Oregon und Virginia und Arizona sind auch hübsch anzusehen und vermutlich weit aus fotogener, aber hier ist es so unheimlich friedlich, ich würde hierhin ziehen, müßte ich mir einen Platz für meine Zukunft aussuchen.

Und eigentlich war es das schon für heute.




Ich hatte nicht viele Ziele, die ich ansteuern konnte. Ich fuhr einfach von Motel 1 zu Motel 2 und hielt unterwegs nur in Gettysburg kurz an.
Einige werden jetzt denken, die Frau hat echt einen Knall. Fliegt in die USA um dann den ganzen Tag nur mit dem Auto rumzufahren. Ist das nicht vergeudete Zeit?
NEIN !!!
Denn es ist für mich Erholung und Entspannung pur.
Kino in 4D.


                                              Eisenhower National Historic Site

Blauer Himmel. Strahlender Sonnenschein. Grüne und gelbe Felder. Bunte Bäume. Kleine Farmen. Kühe. Ein endloser Horizont und im Radio läuft einige Dezibel lauter: „Stressed out“.
I’m so happy und von Stress ist hier aber auch so GAR NIX zu spüren.

Morgen fahre ich kreuz und quer durch‘s Amish County und die Entspannung erreicht ihren Höhepunkt. Ich mag Zeitreisen. Und nichts anderes ist das dort.