Tag 2 - 27. April


Die Zahnpasta des kleinen Reisesets, welches ich gestern noch an der Rezeption geholt hatte, schmeckte wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt und so warf ich alles nach der Benutzung in den Müll. Scheußlich.

Halb 10 waren wir zum Frühstück verabredet und irgendwie graute mir schon davor, denn wenn das Essen heute morgen genauso schrecklich war, wie das von gestern, dann gute Nacht Marie.

Die beiden saßen anscheinend schon länger da, aber ich zähle eben zu den Leuten, die sich an Abmachungen halten und so war ich wirklich erst zur verabredeten Zeit am Tisch.

Das erste, was sie sagten, war, dass das Frühstück mit dem Abendessen nicht mithalten kann, denn es war um Längen besser. Waren gestern abend 2 Speisen auf einem Tisch aufgebaut gewesen, waren es heute 50 Speisen auf 10 Tischen, weswegen sogar noch der angrenzende Raum geöffnet wurde.

Und wirklich, ich konnte mich kaum entscheiden, was ich essen wollte. Sogar Sekt konnte man trinken. Da ich aber strickt gegen Alkohol bin  , beließ ich es bei Kaffee und Orangensaft und allerlei Leckerlis auf meinem Teller.

Bei meiner 2. Runde am Buffet vorbei, meinte ich so zu P., dass ich ja schon gern nen Gläschen Sekt…
Meine gute Erziehung lies es mich jedoch anders überlegen und so nahm ich nur noch was von den süßen Teilchen und ging zurück zum Tisch. P. brauchte etwas länger und als ich einen Schluck Kaffee nehmen wollte, drückte sie mir ein Gläschen Champus in die Hand. 

Sie meinte, es musste extra einer kommen und die Flasche aufmachen.

Das hätte ich mich NIE getraut.

Aber egal. Ich hatte die letzten 24 Stunden soviel durchgestanden, dann musste man sich auch mal was gönnen. Es dankt einem ja sonst keine.

Unsere nächste Verabredung hatten wir halb 11 und ich war viel zu zeitig in der Lobby, was mir aber die Gelegenheit gab, Leute zu beobachten.

Stewardessen und Piloten aus aller Herren Länder versammelten sich hier, verabschiedeten sich oder trafen gerade erst ein und es war schon interessant, ihnen dabei zuzusehen.
Gegen 11 waren wir dann am Flughafen, checkten am gleichen Schalter wie gestern ein, und hofften ab dem Zeitpunkt: Laß es 12 Stunden später sein und uns zur Landung in San Francisco ansetzen.



Jetzt fehlt mir ein Stückchen, das sich aus meiner Erinnerung geschlichen hat und so weiß ich nur noch, dass wir 3 nebeneinander saßen, vor dem Fenster war genau der Flügel und die Maschine war nicht ausgebucht.

Noch vor dem Start gab es etliche Platzwechsel und als sich dann alles sortiert hatte, konnten wir endlich sagen: „Ready for Take off“

Ich hab schon gar nicht mehr daran geglaubt, aber wir haben es nach 14 Stunden tatsächlich in die Luft geschafft. Normal wäre ich um die Zeit schon irgendwo zwischen Kakteen und Skorpionen unterwegs, aber so ist es nun mal. Das Leben. Wie eine Pralinenschachtel…



Leider gab es in dem Flieger kein Inseatsystem und so mußten wir alle zur gleichen Zeit das schauen, was uns vorgesetzt wurde.
Der erste Film war ok, alles andere konnte man abhaken, zumal zum Ende hin dann nur noch Filme oder Filmchen gezeigt wurden, die auf englisch waren.

Ich sollte in Zukunft den Fehler nicht mehr machen, den Tag der Anreise erst zuhause aufzuschreiben. Ich kann mich drehen wie ich will, aber mir fehlen „Stunden“.

Vielleicht ist es auch besser, ich kürze den 11-Stunden-Flug etwas ab, sonst geht’s den Lesern noch wie mir während der Zeit und man wünscht sich, dass es endlich ein Ende hat.




das soll Lasagne sein

Es ist mir ein Rätsel, wie man Direktflüge Flügen mit Zwischenlandungen vorziehen kann. 11 Stunden in einer Sardinenbüchse eingesperrt zu sein und vor den Fenstern spielt sich auch nichts ab, ist schrecklich. 

Ich war so froh, dass es viele freie Plätze gab und ich mich mal für einige Zeit langmachen konnte. Ich hab es so sogar geschafft, etwas zu schlafen, was ich normal nie schaffe, denn wenn es nicht absolut still ist, krieg ich kein Auge zu. Das zählt auch für den Fernseher. Es geht einfach nicht. Sobald ich was höre… wach.

Naja, es muß auch so Leute geben.

Der Service an Bord war ok, aber nichts, was jetzt eine besondere Erwähnung verdient hätte. Es war schon mal lustiger.




Gegen 16 Uhr waren wir dann endlich auf amerikanischem Boden und jetzt fing auch endlich mein Herz an das zu machen, was es gestern schon anfangen hätte müssen: bis zum Hals klopfen.
Die Stelle mit der Einreise und dem Officer ist, so finde ich, immer am spannendsten. Was fragt er? Wie fragt er? Guckt er auch oder stempelt er nur? Dauert es lange? Muß ich zu einer weiteren Kontrolle oder geht es fix?
Viele Schalter waren nicht auf und so dauerte es beinah eine halbe Stunde bis ich endlich dran war. Schuld war nicht die Prozedur als solches, sondern die ganzen Rentner vor mir, die kein englisch sprachen oder verstanden. Es gab sogar einen, der zeigte dem Officer bei jedem seiner Fragen einen Zettel, auf dem eine Telefonnummer draufstand.
Man sah dem Mann mit dem Stempel förmlich an, dass er mit dem Opi keinen Blumenstrauß gewinnen würde und so beendete er das Fragespiel schneller, als ihm lieb war.
Der Officer, den ICH erwischte, war ebenfalls ein Kaliber für sich, denn ich verstand von dem, was er sagte und mich fragte, kein Wort.  "ja nje snayu"
Nicht mal die einfachsten Dinge. Ich „lag“ die ganze Zeit nach den Wörtern „where“ und „what“ und „States“ auf der Lauer, aber er nuschelte so, dass ich ihm schon fast auf das Stempelkissen kroch, um ihn zu verstehen.
Kam ich in New York ohne Fingerprinting und Augenscan durch, gab es hier das volle Programm. Alle Finger, alle Daumen, alle Augen. Von mir gibt es jetzt in der dortigen Kartei sicher mehr Informationen, als von allen Verbrechern des Staates Kalifornien zusammen.

Nachdem ich dann, Gott sei Dank, alle Stempel hatte, schlenderte ich schon mal zum Gepäckband und schon von weitem sah ich meinen knallroten Koffer, wie er fast schon einsam seine Runden drehte.
Ich schnappte ihn mir und da die beiden anderen noch nicht zu sehen waren, begab ich mich auf die Suche nach deren Gepäckstücke.
Es hat eine Weile gedauert, aber nach 15 Minuten stand ich endlich vor 3 Koffern und hoffte, dass auch C. + P. endlich auftauchten.
Sie ließen sich ganz schön Zeit und ich sah schon von weitem, dass sich einige Officer auf den Heimweg machten. Was war los? Sie standen ja erst noch quasi neben mir. Sie können ja nicht einfach so verschwinden. Und sicher wissen sie, dass man die Koffer holen muß.
Und wieder gab es einen Grund mehr, wieso ich alleine fliege.
Man muß nur auf sich selber aufpassen.
Fast als letzte kamen sie endlich an und meinten, sie hätte viele ältere Leute vorgelassen und diese brauchten dann ihre Zeit.
Wir schnappten dann unser Gepäck, gaben am Zollmenschen unser weißes Formular ab und liefen weiter Richtung „Connecting flights“.
In der Halle nach dem Gepäckband stand auch schon ein Mann, der unsere Koffer in Empfang nahm und uns fragte, wohin sie denn sollten.
Unser Weg führte uns dann immer weiter Richtung United, doch irgendwie waren wir in der riesigen Halle überfordert. So viele Schalter und Reihen und Menschen und nirgendwo eine Anzeigentafel, wie es denn nun weiterging.
Planmäßiger Abflug war 19:51 Uhr und jetzt um 17 Uhr war unser Anschlussflug auf keiner Anzeige zu lesen.
Alle Flüge waren dem Ankunftsflughafen nach alphabetisch geordnet aber unter P gab es nur Philadelphia und Portland. Phoenix tauchte nicht auf.
Während sich die beiden erstmal was zu essen besorgten, begab ich mich auf Flugerkundung, denn ich würde jetzt eh nichts runterbekommen.
Am erstbesten Unitedschalter, den ich sah und an dem man mich erstmal eine ganze Weile ignorierte, fragte ich dann einen Mann, der mich ansah, als käme ich vom Mond, wo ich denn jetzt lang muß, und schilderte ihm mein Problem mit den nicht angezeigten Flügen.
Ich bin keine Schriftstellerin und so kann ich Momente wie diese schlecht beschreiben, aber was nun kam, war eine Szene, die in einem Film mit einem großen Orchesterwerk untermalt worden wäre:
„Phoenix?“ meinte er.

„The flight was cancelled“

WHAAAAAAAAAAT ????????????????????????? 

Er: “Sure”.



Ich stand vor ihm wie ein begossener Pudel und kramte alle mir zur Verfügung stehenden Englischkenntnisse hervor und fragte, wieso ein Flug, auf den wir erst gestern gebucht wurden, plötzlich gestrichen wird.
Er konnte mir darauf keine Antwort geben und schickte mich nur runter zum Check in im Terminal 3.
Meine beiden Mitreisenden nahmen die ganze Sache gefasster auf als ich und während sie weiteraßen, begab ich mich zum Check in, um weitere Infos zu holen.
Der Herr am Schalter war schneller als die Dame in Frankfurt, die uns umbuchte und so musste ich ihn erstmal bremsen, denn schließlich war ich ja nicht alleine unterwegs.



Er konnte mir nicht sagen, wieso der Flug gestrichen wurde, nur dass es heute keinen Flug nach Phoenix gab. Ausgeschlossen. Definitiv unmöglich. No way. „Tomorrow morning at 6..“ begann er schon, aber für so weitreichende Pläne hatte ich noch keinen Nerv. Ich kann nichts entscheiden, wenn ich noch Pudding statt Hirnmasse habe.
Es war ein Moment, in dem sich meine ganze Aufregung und Nervosität in Resignation umwandelte und ich ab da alles nur noch so hinnahm. Mein Kopf und meine Schultern sackten förmlich in sich zusammen, und es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mich heulend dem Deskmann vor die Füße sinken lassen.
Konnte es denn wahr sein?
Was hatte ich nur verbrochen, dass man mich ausgerechnet heute so sehr dafür bestrafte? Nach Scherzen war mir nicht zumute, aber sicher lag es an dem Glas Sekt, dass ich heute morgen getrunken hatte. Alkohol ist halt doch ein Teufelszeug.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich wieder aufrappelte und zusammenriss. Für Heulerei war jetzt keine Zeit, das musste ich auf später verschieben. Erst mußten Pläne her.
Als ich C und P die „frohe“ Kunde mitteilte, sahen sie sich an, wie ich erst den Unitedmenschen. Keine 10 Minuten später standen wir alle 3 am Check in und ließen uns auf die 6 Uhr Maschine umbuchen, bekamen einen Essensgutschein, einen Beleg, dass der Flug gecancelt wurde und ein Hotelzimmer im Hilton Hotel.
Eine 2. Nacht in einem Hotel und keinen Koffer dabei.
Auf die Frage hin, ob die Möglichkeit bestünde, den Koffer zu bekommen, meinte man nur: „Natürlich können sie ihr Gepäck holen. Gehen sie eine Etage nach unten, dort können sie nach 2 Stunden Suche ihren Koffer entgegennehmen!“
Das Gespräch verlief etwas anders, aber das Ergebnis war das gleiche.



Daß ich heute morgen die „Wurzelbehandlung“ in den Papierkorb geworfen hatte, bereute ich nun zutiefst, aber es lies sich nun nicht mehr ändern. Eine Nacht, und ich hoffte stark, dass es nun die letzte war, würde ich es schon noch aushalten.
Die restlichen Stunden des Tages liefen vor mir ab wie ein Film. Wir fuhren mit dem Shuttle zum Hilton, welches wirklich erste Sahne war, ich bezog mein 5-Sterne-Zimmer, ging unter die 5-Sterne-Dusche und danach ins 5-Sterne-Bett.
Dadurch, dass ich das Ladekabel für mein Notebook ebenfalls im Koffer hatte, konnte ich mich nicht mal zuhause melden, denn auch das Handy lud ich über den Rechner. Und wenn das keinen Saft hat…



Den Wecker stellte ich auf 3 Uhr und knipste danach das 5-Sterne-Licht aus.
An Schlaf war leider nicht zu denken, denn direkt vor meinem Zimmer befanden sich riesige Apparate für die Klimaanlagen des Hotels und diese waren die ganze Nacht damit beschäftigt, mich wach zu halten.
Wieso soll ein Tag, der so einen Verlauf nahm, auch schön enden?

Apropo enden:
die Flugausfall-Entschädigungs-Geschichte endet im Juli 2014





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