Donnerstag, 5. Oktober

 

Niagarafälle und letzter Tag in Kanada. Naja, morgen Mittag fahre ich wieder Richtung Detroit. Aber heute wird erstmal chillig.

Sollte ich je wieder in Toronto sein, dann suche ich mir definitiv ein anderes und besseres Motel. Wobei letzteres nicht schwer sein sollte. Das hier war die letzte Hütte. Wenn es im Raum nach alt riecht und sich die Tapete schon löst, dann wäre es eigentlich Zeit für die Abrissbirne. Aber Inder übernehmen anscheinend alles.
Die Fahrt raus aus GTA zog sich dann hin, da es hier oben nur Stadt gibt. Von Toronto geht es nahtlos in Hamilton über. Erst südlich des Lake Ontario sieht man wieder grün und Wein und Kürbisse. Würde den Wein gern mal probieren, der hier angebaut wird. So weit oben im Norden kann es doch nichts geben, oder?
Als ich letzte Woche den Niagarafällen näher kam, wurde die Umgebung immer hässlicher und grauer und verfallener und maroder. Hier wurde es immer hübscher. Es war also eine weise Entscheidung, sich die Fälle von Westen her anzusehen.
Als ich jedoch endlich in Niagara on the Falls ankam, dachte ich: oh mein Gott. Was soll DAS denn?
Las Vegas Zweigstelle?
Reno Kolonie?


Das Days Inn stand Gott sei Dank etwas abseits, so das ich den Lärm nicht mitbekommen sollte.
Die Innenstadt bzw. das touristische Zentrum war eine einzige hässliche Vergnügungsmeile, bestehend aus Jahrmarktattraktionen und Fresstempeln und verstaubten Wachsfigurenkabinetten. Es war grauslich.
Was noch grauslich war, es war Anfang Oktober und es wirkte alles ausgestorben. Kaum Touristen. Nur Stromverschwendung und an jeder Ecke lagen Penner rum.
Da ich heute noch nichts in den Magen bekam, beschloß ich, eines der vielen IHOP’s hier zu besuchen, wobei erst Nr.3 die Wahl gewonnen hatte.
Nr.1 wurde mittag 1 Uhr sauber gemacht und war deswegen geschlossen, Nr.2 schloß in einer halben Stunde und ich wäre der einzige Gast gewesen und eigentlich sah es in Nr.3 nicht anders aus. Nur das der Laden länger geöffnet hatte.
Es wundert mich immer, wie viel Personal in so einer „Gaststube“ tätig ist. 4 Gäste und 4 Kellner Tellerträger.
Was machen die, wenn die Hütte hier voll ist? 5 Tische gleichzeitig bedienen? Oh, das ist kaum zu schaffen…
Die Preise hier waren übrigens jenseits von gut und böse.
19,99CAD$ für das Omelett mit Pancakes, was im Schnitt (auch in CAD$) 15$ kostet. Und das noch vor TAX und Tip. Alles in Allem hat mich das Frühstück 34$ gekostet. 23€.
So, Zeit für das Highlight meiner Reise.


Ich nenn es jetzt mal so, obwohl ich über meine Reaktion, als ich endlich an den Fällen stand, überrascht war.
Der Wow-Effekt blieb aus.
Vermutlich steckte er noch in Toronto fest.


Nicht, daß es nicht toll aussah und gigantisch war, aber es waren einfach nur große Wasserfälle, an denen sich Tausende chinesische Touristen anbrüllten und verselfiten. Wie sie da so am Geländer standen, die Handys auf sich richteten und Richtung Bildschirm grinsten… Man mußte sich schon arg anstrengen, um nicht zu glotzen. Außerdem stellten sie sich immer direkt vor die Fälle. Normalerweise sieht man das, wo man sich gerade befindet und schiebt sein Antlitz an den Bildrand. Aber das hat denen scheinbar noch keiner erklärt.
Ich war froh, auf der kanadischen Seite der Fälle zu sein. Auf der anderen Seite sah man so gut wie nix.


Der beste Teil ist übrigens der Kante der Horseshoe Falls. Da, wo das Wasser den Abflug macht. Da merkt man die Kraft, die dahinter steckt. Und fotogener ist es auch.
Würde mich gern mal hierher stellen, wenn es -30° hat und alle zuzufrieren droht.
Gegen 4 Uhr zog ich wieder Richtung Motel, da mein Akku langsam die Biege machte und ich genug Leistung für die abendliche Lichtershow brauchte.
Jeden Abend im Jahr ab Sonnenuntergang bis Nachts 1 Uhr werden die Fälle in unterschiedliche Lichter getaucht und ich war gespannt, wie das wohl auf die Entfernung funktionieren soll. Von den Fällen bis zum Rand waren es immerhin gute 500m.
Aber wenn man den vielen Fotos glauben darf, sollte es klappen. Ob meine Fotos was werden?
Als ich am Nachmittag so durch die Stadt schlenderte, war es für Oktober und diesen Breitengrad (eigentlich ist es der gleiche wie Monaco) ziemlich warm. Es waren deutlich über 20°, doch es fühlte sich wie Hochsommer in Deutschland an. Und ich Kuh dachte, das wird am Abend auch so ein und zog ohne Jacke los.
Anfangs war es ok…
Egal, die Stunde werde ich schon nicht kollabieren. Bin ja nicht aus Zucker.


Als ich wieder am Rim ankam, waren immer noch die gleichen Chinesen dran, sich gegenseitig abzulichten und mir im Weg rumzustehen. Oder waren es jetzt andere? Keine Ahnung. Sehen eh alle gleich aus in ihren rosa Röckchen, weißen Schuhchen und komischen Hüten.
Je dunkler es wurde, umso farbiger sah das Wasser aus. Die Strahler schafften es tatsächlich.



Die nächsten 2 Stunden zog ich langsam mit meiner Schleimhandy-App von den großen Fällen zurück bis zur Seilbahn, und knipste jeden Tropfen in allen möglichen Farben und war schwer beeindruckt. Normale Fotos konnte ich bei der Dunkelheit nicht machen, aber die Schleim-App konnte man durchaus gebrauchen.



Als ich dann gegen halb 9 überlegen mußte, ob ich noch Finger hab, lief ich langsam zum Motel zurück, aber nicht, ohne an den Jahrmarktständen noch einmal mit dem Kopf zu schütteln.
Zimmer im kanadischen Niagarateil sind deutlich günstiger, als auf US-Seite und deshalb gönnte ich mir für 50€ eine Jacuzzi-Suite. Und genau das brauchte ich jetzt. 40° und blubberndes Wasser.
Bekommen hab ich heißes Wasser, das aus Düsen herausgepresst wurde. Von Blubbern konnte nicht die Rede sein. Keine Ahnung, was das sollte…
Aufgeheizt ging ich dann gegen 10 zu Bett und fragte mich, was die kommenden Tage wird. Viel zu sehen gab es ja nicht mehr.